Kaufhaus Görlitz in der Diskussion

Kaufhaus Görlitz in der DiskussionGörlitz, 22. Januar 2021. Das ist überall zu erleben, wo ein Investor in einer Stadt aktiv wird: Plötzlich fühlen sich viele betroffen, obgleich sie es vielleicht gar nicht sind, und möchten am liebsten regulierend eingreifen. Nur um eines machen sie einen Bogen, nämlich um das eingesetzte Kapital – das möge der Investor doch bitte ganz alleine verantworten. In dieses Raster scheint eine nun in Görlitz angesetzte Podiumsdiskussion zum "Kaufhaus der Oberlausitz", das im berühmten historischen Görlitzer Kaufhaus entstehen soll, zu passen, denn Teilnehmer von Investorenseite sind nicht dabei.

Abb.: Das Kaufhaus Görlitz unter Hertie-Flagge. Nach der Insolvenz der Warenhauskette wurde es im Jahr 2009 geschlossen. Die Lokalpresse berichtete damals, dem Einzelhandel in Görlitz breche ein Magnet weg – im Jahr 2021 positionieren Bedenkenträger ein wiedereröffnetes Kaufhaus dagegen als Bedrohung für Einzelhandelsgeschäfte. Doch auch in der Wirtschaft gilt das Prinzip "Viel Feind, viel Ehr", weniger martialisch ausgedrückt: Konkurrenz belebt das Geschäft, mehr Kunden in Görlitz zu haben ist eine Chance für alle.
Archivbild: Foto: © BeierMedia.de
Anzeige

Prof. Dr. med. Stöcker – ein Entrepreneur der Wissenschaft

Hintergrund: Der aus der Oberlausitz stammende Prof. Dr. med. Wilfried Stöcker hat es – im Gegensatz zu vielen anderen im Leben zu etwas gebracht. Dazu beigetragen haben dürfte, dass Familie des 1947 Geborenen im Jahr 1960 in die Bundesrepublik übersiedelte. Er gehört zweifelsohne zum Typus des Wissenschaftlers, der sich im alterozentristischen Dreigestirn von anwendungsorientierter Forschung, Nutzens- und Gewinnorientierung bewegt. Gewinnorientierung – ja freilich, wie will man sonst finanzieren, was man Gutes tut?

Wer sich Stöckers wirtschaftliches Verhalten näher anschaut, stößt immer wieder auf Parallelen zur Energokybernetischen Strategie, die – entwickelt von Wolfgang Mewes – seit den Siebzigerjahren viele erfolgreiche Unternehmen hervorgebracht hat. Zu den von Stöcker entwickelten Problemlösungen gehört ein Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-19. "Mit einem einzigen 2000-Liter-Reaktor kann man 35 Gramm Antigen pro Tag produzieren, das würde für 1 Million Personen reichen. Mittels eines Hochdichte-Kultursystems schafft man die fünffache Menge. Innerhalb eines halben Jahres könnte man Impfstoff für 80 Prozent der Bevölkerung Deutschlands in einem mittelgroßen Laborraum produzieren. Ich habe das Paul-Ehrlich-Institut um die Genehmigung gebeten, diese bagatellartige Immunisierung umgehend mit einer größeren Zahl Freiwilliger nachvollziehen zu dürfen, um festzustellen, ob sie ebenso gut funktioniert wie bei mir und meiner Familie, und ob es auch bei diesen keine Nebenwirkungen gibt, einschließlich exponierter Personen. Hätte sich das PEI nicht quergestellt, hätten wir längst einen Hersteller in die Lage versetzen können, ganz Deutschland zu beliefern und wirksam zu schützen", schreibt Prof. Dr. med. Stöcker auf seiner Homepage, wo er zugleich auf mögliche Hintergründe der schleppenden Impfkampagne in Deutschland eingeht..

Mit klaren, gern auch streitbaren Worten hat Stöcker immer wieder für Aufsehen gesorgt, mitunter ohne darauf zu achten, wie sie in sensiblen Bevölkerungsschichten ankommen. Auf jeden Fall hebt er sich damit ab von jenen, deren Leben von unmittelbaren Abhängigkeiten bestimmt ist: von Politikern, die um Wählerstimmen buhlen müssen, von karrieregetriebenen Wissenschaftlern an öffentlich finanzierten Einrichtungen und von jenen, die ihre wirtschaftliche Existenz nur Förder- und Drittmitteln verdanken. Soweit in Stück Hintergrund, um Stöcker einordnen zu können.

Das Görlitzer Kaufhaus-Projekt in der Diskussion

Im Jahr 2013 hat Stöcker das 1913 eröffnete, architektonisch wertvolle Kaufhaus Görlitz gekauft, um es nach jahrelangem Leerstand zu revitalisieren. Sein Konzept "Kaufhaus der Oberlausitz" ist kühn, verfügt das denkmalgeschützte Kaufhaus doch über ein eher ungünstliges Verhältnis von Verkaufsflächen zu Gesamtfläche beziehungsweise zur Kubatur, hinzu kommt die sich nur langsam entwickelnde Kaufkraft in der unmittelbaren Region. Mit hochwertigem Einzelhandel zahlungsfähige und – wichtig – zugleich zahlungswillige Konsumenten nach Görlitz zu ziehen, gehört zu den Grundpfeilern des Projekts. Als Versuchsballon dafür ist das "Modehaus am Postplatz" entstanden, flankierend wurde der EURO FASHION AWARD im noch im Sanierungszustand befindlichen Kaufhaus etabliert.

Inzwischen sind die Stöckers Kaufhauspläne gewachsen: Ein Anbau soll das Haus attraktiver machen, eine Verbindung zum zwischenzeitlich ebenfalls gekauften nahen City-Center ebenso entstehen wie eine neue Lieferantenzufahrt, die dem Komplex gerecht wird. Dass für die Zufahrt zwei unbewohnte Häuser, von denen eines als Zwischennutzung für kulturelle Zwecke genutzt wurde, weichen müssen, war in interessierten Kreisen auf Unverständnis gestoßen. Nun ja, hätten sich die Görlitzer seinerzeit am Hotel "Goldener Strauß", das dem Kaufhaus weichen musste, festgeklammert, müssten ihre Erben nicht über das Kaufhaus diskutieren. Oder man stelle sich vor, Demiani wäre einst vor der historischen Bedeutung der Görlitzer Stadtbefestigung eingeknickt . . .

Jene, die gar zu gern regulieren, womit andere ihr Geld verdienen – um Steuern zu zahlen, die nicht zuletzt Fördermittel ermöglichen – haben nun Bedenken, ganz im Sinne des kreativen Beharrungsvermögens: Das Kaufhaus zu beleben, dazu ist keinem etwas wirklich Realisierbares eingefallen, dafür umso mehr, was dagegen spricht. "Das Kaufhaus könnte zu Lasten von Läden auf der Berliner Straße gehen", teilt der Second Attempt e.V. mit. Ob damit die Ketten und Filialisten gemeint sind, die eher eine preissensible Kundschaft anziehen? Außerdem widerprächen innerstädtische Parkhäuser dem Gedanken, den Individualverkehr aus den Zentren auf den öffentlichen Nahverkehr zu verschieben. Dann man damit allerdings gleich die Kundschaft mit verschiebt, die keine Lust hat, erst in Bus oder Bahn umzusteigen und dann mit den gefüllten Einkaufstüten noch einmal. Solche Sichten kommen allerdings – das muss man akzeptieren – in der Lebenserfahrung vieler nicht vor.

Schon im Vorfeld der Diskussion postuliert der Verein, dass für die Wiedereröffnung des Kaufhauses "unterschiedliche Interessen abgewägt und Themen zusammengeführt werden" müssen – und nennt Mobilitäts- und Einzelhandelskonzepte, Freiflächenplanung und Denkmalschutz sowie gestiegene Erwartungen an die Bürgerbeteiligung – die Interessen des Investors und vor allem sein kaufmännisches Risiko kommen dabei nicht vor, wie das halt so ist, wenn man gewöhnlich kein privates Geld in Wirtschaftsprojekte einsetzt.

An der Podiumsdiskussion teilnehmen sollen Dr. Michael Wieler, Görlitzer Bürgermeister für Kultur, Jugend, Schule, Sport, Soziales, Bauen und Stadtentwicklung, Prof. Thomas Will, Professor für Denkmalpflege und Mitglied des sächsischen Denkmalrates, Bettina Knoop vom Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau, die Landschaftsarchitektin Janett Conrad und der Architekt und ehemalige Stadtplaner Frank Vater; die Moderation hat die Ukrainerin Iryna Yaniv übernommen, die an der hiesigen Hochschule Kultur und Management studiert hat.

Zugucken und zuhören!
Dienstag, 2. März 2021, 19 Uhr,
Link zur Übertragung der Diskussion auf YouTube

Kulturzuschlag:
Wie das Hornberger Schießen ausging

Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Kaufhaus-Diskussionsabend

Von Robert Lorenz am 24.02.2021 - 11:00Uhr
Na, das war ja mal ein alle Gruppen ausgewogen und fair behandelndes, auf eigene Wertungen völlig verzichtendes Stück Journalismus! Da bleibt kein Auge trocken.

Ich danke jedenfalls für den Veranstaltungshinweis und werde ihn in meiner wohlalimentierten Kopfarbeiter:innen-Bubble weiterteilen.

Diskussion zum Kaufhaus Görlitz

Von Jens am 22.02.2021 - 20:17Uhr
Um Gottes Willen! Schon wieder eine Palaverrunde von Leuten, die keine Ahnung vom Wirtschaften haben, da die ja noch nie in Ihrem Leben mit eigenem Vermögen etwas aufgebaut und damit ins persönliche Risiko gegangen sind, im schlimmsten Fall alles zu verlieren. Im Schoße der öffentlichen Alimentierung und von endlosen Fördermitteln lässt es sich gut über die Vorhaben eines Prof. Stöcker diskutieren, der genau das Risiko eingeht.

Für sein Vorhaben (was nach er Altstadtmillion das Beste ist, was der Stadt passieren kann) gibt es nur zwei Themen zu beachten: Ein gutes, anspruchsvolles Angebot für die Kunden und daraus die Möglichkeit, das Projekt zu finanzieren und letztendlich mittelfristig auch Geld zu verdienen. Davon können dann Steuern gezahlt werden, von denen die Neider dann wieder gut leben können. Ich bewundere die Geduld von Prof. Stöcker, dass er noch dranbleibt. Viele andere hätten schon entnervt hingeschmissen.

Also weiter so, irgendwann muss er doch genug haben. Und dann will es wieder keiner gewesen sein, wie schon so oft in Görlitz.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 22.02.2021 - 07:04Uhr | Zuletzt geändert am 01.08.2021 - 14:32Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige