Görlitzer Sammlungen wollen Raubkunst identifizieren

Görlitz, 9. August 2016. Offiziell bekannt ist das bei den städtischen Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kulturseit den neunziger Jahren: In ihren Beständen befinden sich Objekte, die in der NS-Zeit teils unter unrechtmäßigen Umständen erworben wurden. Sie stammen aus Enteignungen jüdischer Privatsammlungen, deren Eigentümer von den Nazis aus dem Land getrieben, verhaftet oder umgebracht worden waren. Einzelne Kunstwerke, wie zwei Gemälde von Lovis Corinth und Max Slevogt, wurden bereits vor einigen Jahren an die Nachfahren der Sammler, denen sie einst gehörten, zurückgegeben.
Abbildung: Das Gemälde "Frau mit Lilien im Treibhaus" von Lovis Corinth (geboren 1858 in Tapiau, Ostpreußen, gestorben 1925 in Zandvoort, Niederlande) wurde bereits im Jahr 1998 vom Kulturhistorischen Museum Görlitz an die Erben des Breslauer Sammlers Otto Ollendorf zurückgegeben, der von den Nationalsozialisten in den Selbstmord getrieben worden war.

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Forschungsprojekt durch Fördermittel ermöglicht

Jetzt haben die Görlitzer Sammlungen ein Forschungsvorhaben gestartet, mit dem systematisch sämtliche Neuerwerbungen aus den Jahren 1933 bis 1945 auf ihre Herkunft und Rechtmäßigkeit überprüft werden sollen. Damit folgt die Stadt Görlitz der Washingtoner Erklärung, mit der sich 44 Staaten verpflichtet haben, nach Kulturgut zu suchen, das im Nationalsozialismus unrechtmäßig erworben wurde, und dieses an die Eigentümer bzw. ihre Erben zurückzugeben. In Deutschland haben sich die Bundesregierung, die Landesregierungen sowie die kommunalen Spitzenverbände daraufhin verständigt, entsprechende Forschungen in Museen, Bibliotheken und Archiven durchzuführen.

In den Görlitzer Sammlungen werden diese Forschungen nunmehr möglich dank der finanziellen Unterstützung der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste und der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen. Seit Juli recherchiert die Kunsthistorikerin Dr. Katarzyna Zinnow als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Inventarbüchern und Akten des Museums. Ein Jahr lang wird sie die Herkunft von Sammlungsstücken prüfen und nach Beschreibungen wie auch Bilddokumenten dazu suchen. Die Ergebnisse ihrer Forschungen sollen in der Kunstverluste-Datenbank www.lostart.de, in der Kriegsverluste und NS-Raubgut dokumentiert sind, zugänglich gemacht werden.

Kommentar:

Das Thema "Raubkunst" scheint den Diktaturen eigen. Während die Nazis vor allem jüdischen Besitz enteigneten - sprich: stahlen - oder zum Verkauf weit unter Wert zwangen, hatte in der "DDR" die SED eine eigene Stasi-Abteilung aufgebaut, die Kunstsammler ausspionierte und im Zusammenspiel mit dem Fiskus unberechtigte Steuerforderungen kreierte, die dann mit der Übernahme - sprich: dem Diebstahl - der Kunstobjekte beglichen wurden. Diese wurden anschließend gegen Devisen gen Westen verkauft.

Erst der Einzug rechtsstaatlicher Verhältnisse erlaubte es auf dem Gebiet der früheren Sowjetischen Besatzungszone, das Thema Raubkunst anzugehen - auch wenn es dazu, im Osten wie im Westen, noch viel Schweigen gibt.

Es ist ein Beitrag zu später Gerechtigkeit, wenn nun auch die Görlitzer Sammlungen verstärkt die Herkunft ihrer Bestände klären,

meint Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier | Abbildungen: Görlitzer Sammlungen
  • Erstellt am 09.08.2016 - 09:19Uhr | Zuletzt geändert am 09.08.2016 - 10:17Uhr
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