Licht am Horizont für das NOSTROMO?

Licht am Horizont für das NOSTROMO?Görlitz, 26. Februar 2021. Und manchmal geht alles dann ganz schnell: Wie Stadtrat Matthias Schöneich (CDU) in seinem Videoblog auf Facebook von der gestrigen Stadtratssitzung berichtete, ist ein noch nicht genannter Investor für das frühere Schlachthofgelände an der Cottbuser Straße aufgetaucht. Das könnte dem NOSTROMO, eine Art Sozio-Club, die Räumlichkeiten retten.

Archivbild: @ Görlitzer Anzeiger
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Besorgt und dennoch hoffnungsvoll

Besorgt und dennoch hoffnungsvoll
Die dem Schreiben vom 23. Februar 2021 beigefügte Übersicht über Investitionen und die ehrenamtlich erbrachten Arbeitsstunden des Schall & Rauch e.V. für das NOSTROMO in den Jahren von 1999 bis 2020: Wer könnte das einfach so vom Tisch wischen?
Quelle: Schall & Rauch e.V.

Der Schall & Rauch e.V., Betreiber des NOSTROMO Clubs, wollte den Görlitzer Stadträten auf der gestrigen Sitzung vor dem Hintergrund der Kündigung der Clubräume durch den Vermieter, die Landeskrone Fleisch GmbH, einige Fragen stellen. Die Stadt Görlitz hatte ins Auge gefasst, das Gebäude abzureißen, um justament hier der städtischen Berufsfeuerwehr einen neuen Standort zu geben. Was als mögliche Investition in den Katastrophenschutz verkauft wurde, wäre für die Görlitzer Kulturszene eine Katastrophe gewesen.

Schon im Jahr 2020 zeigte sich die Stadtratsfraktion von Motor Görlitz/Bündnisgrüne angesichts der Gefahren für das Kulturzentrum NOSTROMO alarmiert: " Es darf nicht sein, dass man als Stadt über die Köpfe von ehrenamtlich Engagierten hinweg über deren Betätigungsfeld verfügt" und sprach von "mangelnder Wertschätzung gegenüber der freien Szene".

Der Trägerverein hatte sich vor wenigen Tagen mit einem Schreiben – wie es darin heißt "besorgt und dennoch hoffnungsvoll" – an Oberbürgermeister Octavian Ursu als Vorsitzenden des Stadtrates, an Bürgermeister Dr. Michael Wieler und die Stadträte gewandt. Möglicherweise haben nicht alle die volle Bandbreite der Kulturszene in Görlitz auf dem Schirm. Wie wichtig und prägend das NOSTROMO ist, zeigt sich allein darin, dass für viele junge Leute, die aus Görlitz weggegangen sind und die etwa zur Weihnachtszeit zu Besuch kommen, ein Besuch im NOSTROMO quasi zum Pflichtprogramm gehört.

Wie das kommt? Der Schall & Rauch e.V. ist nicht einfach ein herkömmlicher und primär unter gewinnorientieren Aspekten agierender Klubbetreiber, der belanglose Freizeitvergnügen veranstaltet, sondern ermöglicht es auf ehrenamtlicher Basis jungen Leuten, ihre Ideen auszuprobieren. Wer nun meint "Aber dafür haben wir doch..." sei auf die Vielfalt der Kulturszene verwiesen, derem progressivsten Teil – bereits während der linken SED-Diktatur – zentralbeheizte Häuser schon immer suspekt waren.

Schreiben des Schall & Rauch e.V. vom 23. Februar 2021

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Ursu,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Wieler,
sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns heute besorgt und dennoch hoffnungsvoll an Sie.

Wie Sie aus den Medien, öffentlichen Diskussionen oder persönlichem Kontakt sicher schon er-fahren haben, wurde uns, dem Schall & Rauch e.V., als Betreiber des Nostromo, zum 31.01.2021 der Mietvertrag durch den Eigentümer gekündigt. Die Kündigung und der Räum-ungsanspruch stehen nach wie vor im Raum.

Wir wollen nicht wahrhaben, dass eine über 20jährige Geschichte hiermit enden soll, welche ganz klar von der Förderung einer lebendigen Kultur- und Jugendszene und einem begeisterten Ehrenamt zu berichten weiß. Im Laufe des letzten Jahres, war unsere Freude groß, als wir wussten, dass wir dank vieler Spenden über „StartNext“ das Jahr 2020 und die pande-miebedingte Schließung finanziell meistern würden und geplante Projekte im Objekt umsetzen können würden.

Die mit der geplanten Beschlussvorlage und des darin angekündigten Rückbaus des Nostromos hat uns zutiefst schockiert, da im Vorfeld hierzu keinerlei Gespräch mit uns als Mieter und lang-jährige kulturelle Institution in Görlitz geführt wurde.

Die kurzfristig durch uns gestartete Unterschriftensammlung über „openpetition.de“ war mit 1.193 Stimmen allein aus Görlitz und mit insgesamt 2.635 Stimmen, welche innerhalb von einer Woche erhielten, ein öffentliches Bekenntnis der Bevölkerung zum Nostromo.

Es wäre ein herber Schlag für die Kultur- und Jugendszene sowie das Ehrenamt in der Stadt Görlitz.

Sie erinnern sich sicher noch lebhaft daran, als Görlitz um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ gekämpft hat. Unserem Verein ist es schon immer wichtig vielfältige Zielgruppen von Gästen, unterschiedliche musikalische Genres anzusprechen und abzubilden sowie einen Raum zu schaf-fen, sich für die Kultur zu engagieren. Wir sind alle im Ehrenamt tätig und nicht auf Fördergel-der, öffentliche Mittel oder finanzielle Unterstützungen angewiesen, um in normalen Zeiten un-ser musikalisches Angebot durch Eigenmittel zu finanzieren. Aufgrund der Eigenwirtschaftlich-keit des Vereins bietet der Club Nostromo jungen Menschen eine Plattform, um ihre Ideen ohne den wirtschaftlichen Erfolgsdruck verwirklichen zu können. Im Anhang zu diesem Schreiben haben wir Ihnen eine Übersicht beigefügt, aus welcher sich einige Kennzahlen der letzten 22 Jahre Ehrenamt ergeben, sowie das Ergebnis der Petition dargestellt wird.

Soll das nun an dieser Stelle enden?

Durch die öffentliche Diskussion scheint sich der Verkaufswille des Eigentümers verhärtet zu haben. In der Stadt Görlitz gibt es zahlreiche Gewerbebrachen, aber keine mit einer solchen Größe und infrastrukturellen Lage.

Der östliche Teil des ehemaligen Schlachthofgeländes ist bereits im Eigentum der Stadt. Was hindert die Stadt Görlitz, das gesamte Grundstück zu kaufen und für öffentliche Zwecke sowie für die mögliche Ansiedlung von Dienstleistungsunternehmen und Gewerbebetrieben ohne Emissionen vorzuhalten? Es heißt seit Jahren, dass die Stadt Görlitz nicht über ausreichend An-siedlungsflächen verfügt. Ist der Stadt bewusst, dass es sich um eines der wenigen strategisch guten, bebaubaren Grundstücke in der Stadt handelt, dass bei einem Kauf durch einen Spekulanten in den nächsten 10 Jahren brach liegen würde?

Wir haben aufgrund der vorstehenden Tatsachen offene Fragen formuliert, welche wir Ihnen im Vorfeld per E-Mail übermittelt haben.

Wir fordern keine sofortigen Antworten und Lösungen, bitten jedoch darum, dass sich der Stadtrat mit folgenden Fragen zeitnah auseinandersetzt:

  1. Wird die Stadt Görlitz sich einsetzen, was die Kündigung des Mietvertrages betrifft, für das Nostromo einsetzen?

  2. Wird die Stadt Görlitz so weitsichtig sein und das Grundstück in jedem Fall bereits aus stadtplanerischen Entwicklungsgründen kaufen?

  3. Wie soll die Unterstützung und Einbringung des Schall und Rauch e.V. in der Machbarkeitsstudie aussehen? Diese wurde von Herrn Dr. Wieler in der Besprech-ung vom 12.02.2021 angeregt.

Wir bitten Sie: Machen Sie sich stark für die Rettung des Nostromo, eine lebendige Jugend- und Kulturszene in der Stadt Görlitz und die Wertschätzung des Ehrenamtes.

Wir danken Ihnen, bleiben Sie gesund,

Ihr Team des Schall & Rauch e.V.


Im Schreiben sind weitere Informationen angemerkt:
  1. Das Nostromo wurde im Jahre 1999 eröffnet. Betrieben und betreut wird es von den Mitgliedern des Schall & Rauch e.V. Sie sind ausnahmslos ehrenamtlich tätig, bekommen also in keinem Fall irgendeine Vergütung. Dies gilt insbesondere für die Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung der Veranstaltungen (i.d.R. DJ-Abende, 1-2-mal jährlich Live-Bands je nach Kassenlage), einschließlich Getränkeausschank, aufräumen und reinigen des Clubs. Pro Veranstaltung sind durchschnittlich 6-8 Personen im Umfang von 62 Stunden engagiert.

  2. Daher können auch der Eintrittspreis (zwischen 5,00 € und 8,00 €) und die Getränkepreise (u.a. Cola 2,00 €, Bier 3,00 €) geringgehalten werden. Normalerweise liegen Club-Eintrittspreise in vergleichbaren Städten nicht unter 15,00 € eher 25,00 €, in Metropolen erheblich höher.
    • Die Jugendlichen und Heranwachsenden, gerade aus finanzschwachen Gesellschaftsschichten erhalten daher eine hochwertige, gern besuchte Location und müssen vor allen Dingen nicht "Überlandfahren", was statistisch erhebliche Gefahren beinhaltet (schwere PKW-Nachtun-fälle nach Club-Besuchen).

  3. Natürlich sind alle Brandschutzauflagen (Brandschutztüren, RWA inkl. USV, Hausalarm, Elt-Schottung etc.) erfüllt. Hierfür hat der Verein ca. 38.000,00 € an Material und die Vereinsmitglieder 12.000 Arbeitsstunden zur Schaffung dieser Voraussetzungen aufgewendet. Für die gesamte Ertüchtigung des Clubs (Lüftungstechnik, Brandschottung, Sanitär, Elektrifizierung, u.a.) wurden allein in der Zeit von 2009 bis 2020 ca. 460.000,00 € aufgewendet (ca. 25.000 Arbeitsstunden á 15,00 € und Material in Höhe von ca. 85.000,00 €).

  4. Wegen der nachhaltigen und steigenden Nachfrage wurde seitens des Vereins die Erweiterung der zulässigen Gästezahl auf 600 beantragt, dem nichts im Wege steht.

  5. Insbesondere ist das "Nostromo" DIE Ankerlocation für junge Leute anlässlich der Stadtfeste (Via Thea, Altstadtfest) oder der Feiertrage (Weihnachten, Ostern). Junge Menschen, die auswärts studieren oder arbeiten treffen hier mit ihren Freunden zusammen. Unsere "Stammkundschaft" schätzen wir auf mehrere hundert Leute.

Download!
Schreiben mit Anlagen und Tabellen, auch zur Petition, ca. 187KB


Kommentar:

Bei Geschäften sind – mal abgesehen vom automatisierten Börsenhandel – immer Menschen im Spiel und entgegen allen Beteuerungen damit auch Emotionen und ganz grundlegende Interessen, die für Außenstehende nicht unbedingt sichtbar werden.

Ganz unabhängig von der Dreiecksbeziehung zwischen der Schlachthof-Eigentümerin, dem NOSTROMO-Betreiber und der Görlitzer Stadtverwaltung, inzwischen durch einen ominösen Investor zum Quartett aufgepeppt, machen auch wohlmeinende Investoren im Umgang mit sozial Engagierten immer wieder die Erfahrung, dass kaufmännisches Denken in jenen Kreisen halt kaum ausgeprägt ist. Damit sind nicht etwa Kalkulation und Buchführung gemeint, sondern die Akzeptanz des harten Charakters von Verträgen. Aber erst klare Verträge ermöglichen eine wohlmeinende Umsetzung – umgekehrt funktioniert das nicht.

Zur Vorgehensweise eines guten Kaufmanns gehört auch, die Interessen des Partners zu berücksichtigen. Bei einem Gelände mit teilweisem Ruinenbestand und wohl noch ausstehenden Altlastenprüfungen ist es nicht zu verdenken, wenn jemand dieses als Ganzes verkaufen möchte anstelle der Filetstücke, um dann auf dem traurigen Rest sitzenzubleiben.

Bleibt zu hoffen, dass der überraschend aufgetauchte Weiße Ritter die Entwicklung des lange genug zu großen Teilen brachliegenden Schlachthofgeländes zum Guten wendet, meint

Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger, Tabelle: Schall & Rauch e.V., Görlitz
  • Erstellt am 26.02.2021 - 12:39Uhr | Zuletzt geändert am 26.02.2021 - 13:27Uhr
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